DAS einheitliche Menschenbild gibt es nicht

Kathrin Wiggering und Alina Brinkmann vom Kita-Projekt, Daniel Meyer zu Gellenbeck (Moderator Dialograum), Donatus Beisenkötter (Projekt), Professorinnen Agnes Wuckelt und Marianne Heimbach-Steins, Sebastian Mohr und Karolin Kramer, Kita-Projekt. (v.l.n.r.)

Zu Beginn eine Rechenaufgabe: Neun Milliarden Menschen auf der Erde geteilt durch sechs (jeder Mensch soll bis zu sechs Doppelgänger haben) ergibt... 1,5 Milliarden. 1.5 Milliarden Menschen unterschiedlichen Aussehens leben also hypothetisch auf dieser Erde. So gut, so schön. Doch was soll jetzt diese Rechnerei? Nach christlich-jüdischer Vorstellung ist der Mensch nach Gottes Angesicht geschaffen, Stichwort Gottesebenbildlichkeit. Es ist das Bild der Bilder. Durch jeden Menschen scheint uns danach eine Facette, ein Teil Gottes entgegen. Was bedeutet das aber für uns und unser Selbstverständnis?

Sehr schnell sprechen wir in diesem religiösen und gesellschaftlichen Kontext über das gemeinsame „christliche Menschenbild“. Doch was versteht man eigentlich unter dem Begriff des christlichen Menschenbildes? Gibt es das überhaupt, ein einheitliches Bild? Und falls ja, wie sieht das aus?  

Über 60 Erzieherinnen und Erzieher, Kita- und Verbundleitungen, pastorale Mitarbeitende und Pfarrer sind diesen Fragen bei der Fachtagung „Taten statt Worte – Christliches Menschenbild in der Kita “ in der Münsteraner Akademie Franz Hitze Haus (FHH) am achten November nachgegangen. Die achte Tagung des Aktionsprogramms „Kita – Lebensort des Glauben“ wurde organisiert und durchgeführt von Kathrin Wiggering, Projektleitung und Mitarbeiterin des Diözesancaritasverbandes Münster, und Sebastian Mohr, Begleiter des Aktionsprogramms und FHH-Dozent.

Zu Beginn ihres Vortrags zeichnete die Referentin Professorin Marianne Heimbach-Steins aus Münster einen leeren Rahmen auf ein Blatt Papier und stellte klar: „Wir haben nicht das christliche Menschenbild“, und spielte den Ball dem erstaunten Publikum zurück. „Aber wir können uns die Frage stellen, wo wir nach dem suchen müssen, was in dem Bild stecken könnte.“ Es entspann sich ein Austausch zwischen den Zuhörern und der Sozialethikerin nach Fingerzeigen. Jesus wurde genannt als der Kernmarker überhaupt, oder auch die Heiligen, die versucht hätten, im Sinne Jesu zu leben und zu handeln – „mit oder ohne Heiligenschein“. „Alles richtig“, erwiderte Heimbach-Steins. „Doch alle Vorschläge führen weitere, vielfältige Bilder zu Tage, die zwar mit ihren Hinweisen ins Gesamtbild mit einfließen, aber nicht das gesuchte Bild ergeben.“

Die Rede vom ´Ebenbild Gottes` in der Bibel ist alles andere als eine selbsterklärende Aussage. Wissen wir, wie Gott aussieht? Schwierige Frage. Wie soll ich mir das dann vorstellen?“ Und sie versucht, sich auf vielfältige Weise dem Bild anzunähern und kommt zu der Erkenntnis, dass „ein Bilderrahmen nicht ausreicht, um die Vielfalt der Menschheitsfamilie zu fassen.“ Da müsse schon eine Bildergalerie her, um die vielen Facetten des christlichen Menschenbildes darzustellen.

Vier Dinge, viel Erfahrungen hätten aber alle Menschen gemein, die auf jeden Fall in dem Bild auftauchen müssten: „Wir verdanken unser Leben nicht uns selbst, sondern unseren Eltern. Gleichzeitig wollen wir aber autonome, individuelle Wesen sein, nicht die Abziehbilder unserer Vorfahren. Diese Erkenntnis führt zu einer Spannung“, erklärte die Sozialethikerin. „Und wir verstehen uns als Wesen, die sich einem Gotteswollen verdanken.“ Damit sei der Mensch Träger verantwortlichen Handelns. „Gott hat uns die Verantwortung für die Schöpfung übertragen. Damit sind wir dazu aufgerufen, die Welt im Sinne Gottes zu gestalten.“

Darüber hinaus mache der Mensch bei allem Streben nach Individualität die Erfahrung, „dass wir zweitens soziale Wesen sind. Wir können nicht ohne einander.“ Individualität und Gemeinschaft gehören laut Heimbach-Steins zusammen. „Wir sind nicht allein geschaffen. Schon in der Bibel kommt der Mensch als Paar vor.“ Und: Gott habe uns nicht als Individuen erlöst, sondern als Volk.

Drittens seien wir keine Marionetten Gottes sondern frei „in unserem Tun und Handeln.“ Dabei würden wir die Erfahrung von Schuld machen: „Niemandem gelingt alles.“ Aber Gott habe uns zugesichert: Du darfst immer wieder neu anfangen. „Das ist so wenig selbstverständlich, dass es unbedingt zum christlichen Menschenbild dazugehört.“ Ein beruhigender Gedanke.

Und  letztendlich „haben wir eine begrenzte Haltbarkeit. Wir leben nicht ewig“, betonte Heimbach-Steins. „Aber wir glauben an einen, der nicht im Tod geblieben ist, damit auch wir nicht dort bleiben. Wir glauben an die Auferstehung. Die Grenze meines Lebens ist nicht die Grenze meines Wertes. Und wir bleiben nicht in Schuld stehen.“

Im zweiten Vortrag schaute sich Professorin Agnes Wuckelt aus Paderborn Konzepte frühkindlicher religiöser Bildung an und wie diese christlich motiviert im Kita-Alltag umgesetzt werden können.

Wuckelt erzählte von einer Kita in katholischer Trägerschaft aus dem Paderborner Land, in der von den 88 Kindern 69 einen Migrationshintergrund hätten, 18 katholischen, 13 evangelischen und 36 muslimischen Glaubens seien und alle anderen ohne Bekenntnis. „Wo bleibt da das Katholische?“

Ein Blick ins Grundgesetz sollte bei der Frage helfen. Es verweise auf Gott und setze es in Beziehung zur Würde des Menschen. „Die deutsche Kultur bleibt also in weiten Teilen von dem aus dem Christentum herrührenden Wertesystem bestimmt.“ Das entbinde aber zum Beispiel nicht die Kita aus Paderborn von der Erklärung, warum eine christlich motivierte Erziehung notwendig ist. „Das, was für uns wichtig ist, verlangt nach einer christlich-religiösen Begründung“ fuhr die Diplom-Theologin fort.

Die Geschichte der Religionspädagogik sei eine Geschichte der Menschenbilder und die Erkenntnis, dass „es nicht das Menschenbild in pädagogischen Konzepten gibt. Facetten davon spiegeln sich in den unterschiedlichen Konzepten wider.“ Drei Beispiele führte Wuckelt an, um ihre These zu untermauern:    

Der pädagogische Ansatz von Maria Montessori stelle das Kind in Mitte des Konzepts. Als Naturwissenschaftlerin setzte Montessori auf Experimente und den dadurch resultierenden  Erfahrungsgewinn bei Kindern. Keine Spur eines theologischen Unterbaus. In den 1970er Jahren bildete sich der Situationsansatz heraus, der die Einzigartigkeit und Einmaligkeit des Kindes ernst und die Lebenssituation des Kinders wahrnahm. Die Geschlechtergerechtigkeit rückte in den 1990er Jahren in den Fokus der Pädagogik: Mädchen und Jungen wurden als individuelle Subjekte gleichwürdig in ihrer Differenz wahrgenommen.  

Alle drei Konzepte verfolgen keinen dezidiert religions-pädagogischen Ansatz. „Aber die Kitas können sich ein Konzept auswählen, das ihrem Menschenbild entspricht und die dahinterliegenden Ideen religiös umdeuten, umorientieren“, erklärte Wuckelt zusammenfassend. Wichtig dabei sei: „Die Pädagogik muss offen legen, was sie und warum sie etwas will. Und für sich klar haben: Was sind denn die Ziele meiner religions-pädagogischen Arbeit?“

In „Dialogräumen“ bot sich den Teilnehmerinnen und Teilnehmern die Möglichkeit, sich mit Unterstützung einer Moderatorin oder eines Moderators über die vorangegangen Vorträge auszutauschen und mit Beispielen aus der praktischen Tätigkeit in Verbindung zu bringen.

AnsprechpartnerInnen

Leitung des Aktionsprogramms
Kathrin Wiggering
Telefon: 0251 8901-254
wiggering@caritas-muenster.de

Sekretariat und Sachbearbeitung
Vanessa Fliß
Telefon: 0251 495-551
projekt-kita@bistum-muenster.de

Begleitung des Aktionsprogramms   Franz Hitze Haus
Sebastian Mohr
Telefon: 0251 9818-460
mohr@franz-hitze-haus.de

Mitarbeiterin des Aktionsprogramms (Kooperation Uni Münster)
Karolin Kramer
Telefon: 0251 8329-220
kramer-k@bistum-muenster.de

Mitarbeiterin des Aktionsprogramms (Kooperation Uni Bochum/ZAP)
Alina Brinkmann
alina.brinkmann@rub.de

Kooperationspartner

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