Über einen gelungenen Versuch, Gott ins Gespräch zu bringen

Felix Elbers, Pit Brüssel, Dr. Angela Kunze-Beiküfner, Dr. Fana Schiefen, Sebastian Schiffmann, Dr. Delia Freudenreich, Marcus Bleimann, Stefanie Auditor, Christian Peitz. (v.l.n.r.). Bild: Jürgen Flatken

„Meine jüngste Tochter schaute mit 5 Jahren eines Tages während des Frühstücks durchs Fenster in den Himmel und sagte völlig unvermittelt: ´In meinen Gedanken und in meinen Geheimnissen kann ich Gott und die Engel sehen.` Und mein Mann fragte: ´Ist Gott ein Mann oder eine Frau?`“, erzählte Angela Kunze-Beiküfner zur Erheiterung der knapp 70 Teilnehmenden der Fachtagung „Gottesbilder in der Kita – Angemessene und kindgerechte Rede von Gott“ des Aktionsprogramms Kita – Lebensort des Glaubens des Bistums Münster. In der Akademie Franz Hitze Haus sind die Erzieherinnen und Erzieher wie auch pastorale Mitarbeitende der Frage nachgegangen, was kindgerechte Gottesbilder überhaupt sein können und wie ein angemessener Dialog über Gott mit Kindern gestaltet werden kann.  

„Und meine Tochter schaut ihn an und erwidert: ´Nein, der ist doch kein Mensch. Das kann ich nicht beschreiben, aber fühlen kann ich es“, fuhr die Pfarrerin und Dozentin am Pädagogisch-Theologischen Institut der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland fort. „´Das Gefühl ist richtig hell und gesund und fröhlich. Es ist wunderbar, wenn man es spürt. Erwachsene können das nicht, die fühlen nicht ihre Gedanken, das können nur wir Kinder.` Ich würde sagen, das geht schon in den Bereich Kinderspiritualität und auch Richtung Gottesbeziehung, ausgedrückt in der eigenen Sprache eines Kindes. Mir hat es das Herz erwärmt“, freute sich Kunze-Beiküfner über die tiefgründige Schlagfertigkeit ihrer Tochter. 

In ihrem lebendigen, durch viele konkrete Beispiele unterfütterten Vortrag, gelang es der Pfarrerin,  den Teilnehmenden bildhaft vor Augen zu führen, dass schon in den Kleinsten viel Theologie drin stecke. „Wir müssen uns nur darauf einlassen. Denn wir Erwachsene sind schnell dabei über Gott zu sprechen, als wüssten wir genau, wer Gott ist, wie zum Beispiel ´der Vater`, wie Gott ist ´lieb` und wo Gott ist ´im Himmel`, ohne dass dabei deutlich wird, dass wir keine Tatsachen, sondern unsere Meinung vertreten.“ Dietrich Bonhoeffer habe das mit dem bekannten Satz „Einen Gott, den es gibt, gibt es nicht” auf den Punkt gebracht. „Wir müssen uns immer bewusst machen, dass Gott auch noch ganz anders sein kann, als wir ihn uns vorstellen.“ Allein die Bibel biete eine Fülle sprachlicher Bilder, mit denen man sich Gott annähern könne. 

Wie sehr sich Kinder auch oft mit theologischen Gedanken beschäftigen, erfährt Kunze-Beiküfner immer wieder, wenn sie zu Forschungszwecken in die Kita fährt und mit den Kindern über Gott und die Welt ins Gespräch kommt. Sie erzählte den Teilnehmenden von einem Erlebnis in der Vorweihnachtszeit. Ein Kind hatte eine Krippenszene gemalt mit Engeln, Maria und Josef und einem Schaf. „Das wirklich Spannende stand aber auf der Rückseite. Da hatte der Fünfeinhalbjährige geschrieben: ´Maria sagt, das wird ein Sohn Gottes.` Verrückt, oder? In diesem kleinen und einfachen Kinderbild von der Krippe steckt Theologie drin. Das ist ein Reichtum, den wir oft gar nicht so wahrnehmen“, brach die Pfarrerin eine Lanze dafür, Kinder nicht zu unterschätzen. „Wir sehen vielleicht oft nur das Bild und nicht, was dahinter steckt.“ 

Theologisieren mit Kindern sei ein großer Reichtum. „Die Kinder argumentieren nach ihrer eignen kindlichen Logik, die sie aber Kinder immer weiterentwickeln, aufgrund von Informationen, die sie bekommen. Dadurch entwickeln sie dann ihre eigene Theologie – wenn sie den Raum dazu bekommen.“ Dazu hier noch ein Beispiel aus einer Kita: Max (5): Gott ist tot! Lena (5): Nein, das stimmt nicht! Erz.(erschrocken): Wir kommst du darauf? Max: Na gucke, wen Gott im Himmel ist und die Toten im Himmel sind dann muss er doch tot sein. Lena: Nein, Gott ist ja nicht geboren, er ist doch kein Mensch, dann kann er auch nicht sterben. 

Die Kölner Theologin Fana Schiefen ging in ihrem Vortrag der Frage nach, ob sich der Glaube an Gott in der Krise befinde oder einfach nur die richtigen Worte fehlen, um ihn zur Sprache zu bringen. Denn „Gott scheint irgendwie seltsam schillernd-konturlos, diffus und irrelevant geworden“, diagnostizierte Schiefen. Das stelle Theologinnen, Theologen und auch Kita-Erziehende vor große Herausforderungen. „Aufgrund einer zunehmenden Pluralisierung und Komplexität der gesellschaftlichen Lebensbereiche, aber auch der Glaubenserfahrungen und religiösen Vorstellungen ist nicht davon auszugehen, dass unsere Gesprächspartnerinnen und -partner stets dasselbe meinen und verstehen, wenn wir über Gott miteinander ins Gespräch kommen.“

Daher müsse in religiösen Lernprozessen erst „der Boden für eine Vermittlung des persönlichen Gottesverhältnisses“ bereitet werden. So würde es sich zum Beispiel anbieten, zunächst im alltäglichen Leben Hinweise zu entdecken, die zum Nachdenken, Fragen und Suchen nach Gott einladen. Bei Kindern würde sich die Entwicklung eines Gottesbildes zu einem „nicht unwesentlichen Teil auch aus den Gefühlen und Phantasien des Kindes selbst“ vollziehen. 

Mit der sprachlichen Entdeckung Gottes durch das Kind beginnt zugleich das Bemühen, Gott zu begreifen. Dieses Bemühen äußere sich in kindlich-pragmatischen Fragen: „Wenn es Gott gibt, warum zeigt er sich nie?“, „Warum hilft Gott nicht?“ oder „Wer hat die Welt gemacht?“. Fana Schiefen forderte am Ende ihres Vortrags die Teilnehmenden auf, „die Kinder als kompetente theologische Gesprächsteilnehmerinnen und -partner ernst zu nehmen. Und jede und jeder von uns ist aufgefordert, eine eigene Sprache für Gott zu finden“, schrieb die Theologin allen Anwesenden ins Stammbuch.

„Wissen Sie noch, wie Sie als Kind gespielt haben? Oder etwas provokanter gefragt: Können Sie noch spielen?“, wandte sich Religionspädagogin Delia Freudenreich aus Paderborn zu Beginn ihres Vortrags an die Teilnehmenden. „Wir suchen heute nach den Bereichen kindlicher Existenz, die dem eher kognitiv ausgerichteten Theologisieren vorausgehen.“ Freudenreich brachte dabei das religionspädagogische Konzept des „Godly Play“ ins Spiel, das „auf den Prinzipien der Montessori-Pädagogik basiert und Kinder sowie Erwachsene dazu anregen soll, den Glauben durch spielerisches Entdecken zu erfahren“.

Godly Play erzähle biblische Geschichten auf eine sehr elementarisierte Art und Weise, dabei unterstützt durch Materialen wie Figuren und zum Beispiel hellen Sand, „der die Wüste“ darstellen könne. „Die Kinder sitzen auf dem Boden um die Spielfläche herum, um alles gut sehen zu können.“ 

Jerome Barryman, ein Priester der Episkopalkirche aus Texas, habe den Ansatz des Godly Play entwickelt. „Bei ihm reicht der Gedanke des Spiels bis hinein in sein theologisches Verständnis über die Beziehung zwischen Gott und den Menschen.“ Gott rufe die Menschen in eine Beziehung. „Und wir Menschen reagieren darauf, indem wir versuchen, eine Verbindung aufzunehmen, zu diesem so sehr schwer fassbaren Gott. In keiner Geschichte und in keinem Ritus können wir sein Wesen vollständig erfassen“, brachte es die Religionspädagogin auf den Punkt. Dennoch sei es Gottes Gegenwart, die „immer und immer wieder einlädt, jener Ahnung von ihm, die wir entdecken, zu folgen“. 

Im Anschluss an diese drei sehr unterschiedlichen und tiefgründigen Fachvorträge hatten die Teilnehmenden die Chance in fünf Workshops das Thema noch einmal ganz gezielt zu vertiefen. Delia Freudenreich stellte dabei den Godly Play Ansatz ganz praktisch und konkret vor, Christian Peitz ergänzte mit seinem Workshop das Theologisieren um das Philosophieren mit Kindern. Angela Kunze-Beiküfner stellte den Gotteskoffer als eine Anregung für das Theologisieren mit Kindern vor, Felix Elbers thematisierte in seinem Workshop die Vielfalt an Gottesbildern aus interreligiöser Perspektive und Pit Brüssel ergänzte das Angebot um einen künstlerisch ästhetischen Impuls zur Bildlichkeit Gottes.

„Auf dieser Fachtagung sind wir der Frage nachgegangen, wie man heute noch über Gott sprechen kann. Das ist uns auf vielfältige Art und Weise gelungen“, zog Sebastian Schiffmann, Akademie-Dozent und Mitarbeiter im Aktionsprogramm, ein positives Fazit. Die Rede über Gott kann immer da gelingen, wo sie stattfindet. Wie zum Beispiel heute bei uns.“                                    Text: Jürgen Flatken